BAWÜLON 2/2020 (38)

BAWÜLON 2/2020 (38)

Nun kommt in diesen seltsamen Zeiten die zweite Ausgabe von Bawülon arg verspätet zu Ihnen nach Hause, und so ist es zu erklären, dass Sie trotz der ersten kühlen Herbsttage Gedichte von fünf Dichterinnen und Dichtern lesen, die unter der Überschrift Ein Gedicht für den Frühling das erste Kapitel bestreiten. Doch Gedichte sind zeitlos, und die Vielfalt der vorgestellten Texte hält jeder Jahreszeit stand.
Den Anfang macht der moldawische Dichter Emilian Galaicu Păun mit seinem Gedicht Ch-ău (ragtime), in dem er uns poetisch und gleichsam plastisch in Moldawiens Hauptstadt Chișinău mitnimmt, deren Geschichte er mit einer sich immer schneller drehenden Schallplatte vergleicht.

Verschlüsselte Biographie lautet die Überschrift eines der Gedichte von Johann Lippet, ein Thema, das Exil und Rückblick auf die verlorene Heimat beinhaltet und in mehreren Gedichten aufgegriffen wird. Abschied von allem für immer, heißt es an einer Stelle. Wie sehr die Erinnerung aber lebendig ist, zeigt seine detailreiche Geschichte über sein banatschwäbisches Elterhaus.

Aus dem Debütband von Nicola Quaß Nur das Verlorene bleibt aus dem Heidelberger Verlag Hochroth stellen wir sechs Gedichte vor, in denen das lyrische Ich sich in geheimnisvollen Landschaften mit Wald, Wiesen, Sommerregen und launischem Gras bewegt.

Ganz anders ist die Lyrik von Emil Hurezeanu. Seine langen, prosaischen Gedichte sind eine poetische Tour d’horizon durch Geschichte(n) und Literatur. Diese sind allerdings nie als Selbstzweck für sich allein gedacht, sondern stehen in einem Wechselverhältnis mit dem lyrischen Ich.

Barbara Zeizinger schließlich unternimmt ein lyrisches Roadmovie durch einige Städte und Landschaften der USA und lädt anschließend in ein Café ein.

Zwei zusammenhängende Schwerpunkte dieser Ausgabe bilden „Die Deutschen Literaturtage in Reschitza“ mit ihrer dreißigsten Auflage und der Rolf-Bossert-Gedächtnispreis, der bei diesen Literaturtagen zum ersten Mal an Alexander Estis aus der Schweiz verliehen wurde.
Das erste Wort in diesem Zusammenhang hat der Initiator des Preises Hellmut Seiler mit Erinnerungen an seinen durch Freitod gestorbenen Freund Rolf Bossert. Im Dezember dieses Jahres wäre Rolf Bossert 68 Jahre alt geworden.
Alexander Estis führt Rolf Bosserts Suche nach dem Grotesken in unserer Lebenswirklichkeit und nach „dem Element des Surrealen in Bosserts Schaffen“ weiter. So stellt Hellmut Seiler den Preisträger vor, ehe dieser mit Gedichten unter der Überschrift Kleines Neurotikon und später mit seiner Dankesrede selbst zu Wort kommt.
Die Würdigung von Alexander Estis übernimmt die Vorsitzende der fünfköpfigen Jury, die rumänische Dichterin Nora Iuga. In drei Zeilen fasse Alexander Estis das Wesen unserer Existenz zusammen, betont sie.
Frei und heiter, sicher und reich. Prolegomena zum Rolf Bossert-Gedächtnispreis. In diesem Artikel berichtet Hellmut Seiler abschließend über die Hintergründe zur Entstehung des Preises und sieht in Bossert den Radikalsten und Kompromisslosesten von uns.
Die neue Ausschreibung zum Rolf-Bossert Gedächtnispreis finden Sie am Ende der Zeitschrift.
Wie schon angedeutet, fand die virtuelle Preisübergabe bei der Jubiläumsausgabe der Deutschen Literaturtage in Reschitza statt, die wegen Corona nach mehreren Verschiebungen größtenteils ebenfalls nur virtuell mit Zuschaltungen aus vielen europäischen Ländern veranstaltet werden konnten. Dennoch war das Literaturfestival ein großer Erfolg, was sicherlich auch dem Mut und der Energie des unermüdlichen Gastgebers Erwin Josef Ţigla zu verdanken ist. In seinem Bericht Die Deutschen Literaturtage in Reschitza, XXX. Auflage: In pandemischen Zeiten, anders als sonst schildert er die aufwendigen und für alle Beteiligten neuartigen Durchführungen, wobei seine Begeisterung, wie gut alles geklappt hat, spürbar wird. Zahlreiche Fotografien vermitteln davon einen Eindruck.

In der Welt und ihren Dichtern vernehmen wir nun die Stimme von Regine Kress-Fricke. Mit der Erzählung Felicitas in Anderwelt führt sie uns in eine, wie der Titel schon verspricht, rätselhafte Welt. Ihre Gedichte über den Platz der Grundrechte in Karlsruhe – Erweiterungsvorschlag greifen hingegen ein konkretes Thema auf.
Die polnische Dichterin und Übersetzerin Małgorzata Płoszewska begibt sich prosaisch zuerst mit uns auf eine Bühne, ehe sie in mehreren Gedichten unter anderem auf ihre Heimat zurückblickt. 1985 hat sie Polen verlassen, verwahrt aber Erinnerungen an ihre Kindheit mit taubstummen Eltern, wie Sie in dem berührenden Text Die Stille. Das Haus lesen können.
Nun besuchen wir mit Hans Dama Riga – die Perle an der „Westsee“. In einem ausführlich bebilderten Stadtrundgang lernen wir die Historie der Stadt und ihre schönsten Seiten kennen.
Rainer Wedler & Carsten Sternberg nehmen uns mit auf eine lyrische und fotografische Reise mit sprachkritischen Reflektionen sowie Zusammenhängen von Vergangenheit und Gegenwart.

Matthias Buch eröffnet mit fünf Gedichten das Atelier. In ihnen wirft er neue, erstaunliche Blicke auf Clara Haskil in Paris, Meister Eckard in Erfurt und ganz aktuell auf Navalny.
Andreas Andrej Peters wurde 1958 in Tscheljabinsk -Ural, also in der ehemaligen UdSSR geboren. In der Nähe seines Heimatortes gab es die Plutoniumfabrik Majak, bekannt für zahlreiche Unfälle und radioaktive Verseuchungen der Umgebung. Davon erzählt der Autor in seinen eindrucksvollen Texten Ruthenia oder Klagelieder mit einer Distel im Mund.
Für Fans des Venezianischen Karnevals mit einem Faible für die entsprechenden Verkleidungen sind die heutigen Verpflichtungen der Mund- Nasenbedeckung ein willkommenes Angebot. Welche Auswüchse dies annimmt, schildert Albrecht Schau lebhaft in seiner witzigen Geschichte Familiäres Maskenfest zur Coronazeit.
Sehr viele Angebote haben wir dieses Mal im Bücherregal. Es beginnt mit Matthias Buths Vorstellung des Buches von Rüdiger Görner, Helvetiana. Poetische Schweiz. Widmar Puhl befasst sich kritisch mit der neuen Ausgabe von Maka Elbakidse u.a., Eine Einführung in die georgische Literatur und Wolfgang Schlott betont die Bedeutung des Anti-Kriegsromans aus dem Jahr 1951 von Karl Friedrich Borée, Ein Abschied. Als zweites Buch schlägt er den georgischen Roman Tschabua Amiredschibi, Data Tutaschchia, Der edle Räuber vom Kaukasus vor. Ein Buch voller unterschiedlicher Textarten, das große Erfolge feierte, verfilmt und als Comic aufgelegt wurde.
Eine eingeschränkte Leseempfehlung, weil der Roman von Leila Slimani, All das zu verlieren zu einseitig sei, gibt Uli Rothfuss, während er zwei andere Bücher wärmstens empfiehlt: den zweisprachigen Lyrikband des tschechischen Autors Stanislav Struhar, Der alte Garten sowie („grandios“) Die Landschaft hat immer recht des isländischen Autors Bergsveinn Birgisson.

Aus der Kulturszene berichtet Widmar Puhl begeistert von der Planung der Schloss Fest Spiele Ludwigsburg 2020, die er sehr angetan ein Fest der Künste, Demokratie und Nachhaltigkeit nennt. Wie so oft in diesen Zeiten mussten die Veranstaltungen allerdings abgesagt und ins Internet verlegt werden.
Auch die Überreichung des Peter Huchel-Preises 2020 an Henning Ziebritzki für seinen Gedichtband Vogelwerk muss auf das nächste Jahr verschoben werden. Peter Frömming stellt uns den Band unter der Überschrift Vom Wirken der gefiederten Wesen schon einmal vor.

Der letzte Beitrag ist eine Kleine Wutrede von Widmar Puhl, die allerdings gar nicht so klein ausgefallen ist. Unter der Frage Solidarität der Einzelgänger? beschäftigt er sich mit dem Ende eines Biotops, womit er den Literaturbetrieb mit all seinen Akteuren meint. Aber lesen Sie selbst.
Schließen möchte ich mit einem mutmachenden Gedanken von Erwin Josef Ţilga: Was bleibt, ist auch die Tatsache, dass, wenn ein starker Wille besteht, man auch in diesen pandemischen, schwierigen Zeiten nicht den Hut an den Nagel hängt und resigniert, sondern gemeinsame Wege finden kann, weiterzugehen, Zukunft, auf dem Fundament der Vergangenheit zu gestalten.

Bleiben Sie gesund und haben Sie Spaß beim Lesen!

Barbara Zeizinger

Es signiert:

• Emilian Galaicu Păun • Ein Gedicht für den Frühling • Johann Lippet • Nicola Quaß • Emil Hurezeanu • Barbara Zeizinger • Alexander Estis • Rolf-Bossert-Gedächtnispreis • Hellmut Seiler • Die Deutschen Literaturtage in Reschitza, XXX. Auflage • Nora Iuga • Erwin Josef Ţigla • Regine Kress-Fricke • Hans Dama • Małgorzata Płoszewska • Matthias Buth • Andreas Andrej Peters • Rainer Wedler • Albrecht Schau • Wolfgang Schlott • Peter Frömmig • Uli Rothfuss • Widmar Puhl •

Inhalt

Barbara Zeizinger • Editorial / S. 5

Editorial / S. 5

Die Welt und ihre Dichter
• Ein Gedicht für den Frühling •
Emilian Galaicu Păun • Ch-ău / S. 9
Johann Lippet • Neun Gedichte und eine Geschichte / S. 15
Nicola Quaß • Sechs Gedichte / S. 31
Emil Hurezeanu • Sieben Gedichte / S. 37
Barbara Zeizinger • Acht Gedichte / S. 59
• Die Deutschen Literaturtage in Reschitza, XXX. Auflage •
• Rolf-Bossert-Gedächtnispreis •
Hellmut Seiler • Erinnerungen an Rolf Bossert / S. 68
Hellmut Seiler • Der erste Preisträger des neuen Literaturpreises steht fest / S. 69
Alexander Estis • Kleines Neurotikon . Gedichte / S. 73
Nora Iuga • Würdigung des Preisträgers / S. 83
Alexander Estis • Dankesrede / S. 85
Hellmut Seiler • Frei und heiter, sicher und reich . Prolegomena zum Rolf-Bossert-Gedächtnispreis / S. 88
Erwin Josef Ţigla • Die Deutschen Literaturtage in Reschitza, XXX. Auflage: In pandemischen Zeiten anders als sonst / S. 91
Regine Kress-Fricke • Felicitas in Anderwelt / S. 105
Regine Kress-Fricke • Platz der Grundrechte in Karlsruhe . Erweiterungsvorschlag . Drei Gedichte / S. 109
Małgorzata Płoszewska • Auf der Bühne / S. 111
Małgorzata Płoszewska • Neun Gedichte / S. 114
Małgorzata Płoszewska • Die Stille. Das Haus / S. 118

Zeitgeschichte
Hans Dama • Riga – die Perle an der „Westsee“ / S. 121
Rainer Wedler & Carsten Sternberg • Gedichte & Fotos / S. 132

Atelier
Matthias Buth • Fünf Gedichte / S. 150
Andreas Andrej Peters • Ruthenia oder Klagelieder mit einer Distel im Mund . Gedichte und Prosa / S. 156
Albrecht Schau • Familiäres Maskenfest zur Coronazeit / S. 163

Bücherregal
Matthias Buth • Rüdiger Görner, Helvetiana. Poetische Erkundungen in der Schweiz / S. 172
Widmar Puhl • Maka Elbakidse, Gaga Lomidse, Irma Ratiani, Miranda Tkeschelaschwili, Marine Turaschwili . Eine kurze Einführung in die georgische Literatur / S. 175
Wolfgang Schlott • Karl Friedrich Borée . Ein Abschied / S. 179
Wolfgang Schlott • Tschabua Amiredschibi . Data Tutaschchia, Der edle Räuber vom Kaukasus / S. 181
Uli Rothfuss • / Stimmig, spannend, eindimensional . All das zu verlieren von Leila Slimani S. 184
Uli Rothfuss • Ästhetische Schönheit und Zeitgeschichte . Der alte Garten von Stanislav Struhar / S. 185
Uli Rothfuss • Roman aus dem Norden . Die Landschaft hat immer recht von Bergsveinn Birgisson / S. 187

Aus der Kulturszene
Widmar Puhl • Schloss Fest Spiele Ludwigsburg 2020 . Ein Fest der Künste, Demokratie und Nachhaltigkeit / S. 189
Peter Frömmig • Vom Wirken der gefiederten Wesen . Henning Ziebritzki erhält den Peter-Huchel-Preis für sein „Vogelwerk“ / S. 195
Widmar Puhl • Solidarität der Einzelgänger? – Ende eines Biotops .
Kleine Wutrede aus gegebenem Anlass / S. 199


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